1
00:00:08,600 --> 00:00:12,100
Bestandsaufnahme
vor der Abwicklung

2
00:00:18,600 --> 00:00:22,900
Ein Film von
Rémy Ricordeau

3
00:00:30,500 --> 00:00:32,800
Hinter der Fassade einer
unveränderten Lebensweise

4
00:00:33,100 --> 00:00:35,800
drängt sich zunehmend
der Eindruck einer Umwälzung auf:

5
00:00:36,100 --> 00:00:40,800
Wirtschaftskrise, soziale Krise,
Energie- und Umweltkrise.

6
00:00:41,800 --> 00:00:46,100
Zweifel kommen auf. Was vorher
normal schien, ist es nicht mehr.

7
00:00:46,700 --> 00:00:49,000
Das Vertrauen in die Zukunft
bekommt Risse.

8
00:00:49,600 --> 00:00:52,600
Unmerklich werden die
Gewissheiten erschüttert.

9
00:00:53,100 --> 00:00:55,900
Der Fortschritt, oder was
man uns als solchen verkauft,

10
00:00:56,200 --> 00:00:58,500
erweist sich als
bedrohlich oder schädlich.

11
00:00:58,800 --> 00:01:01,600
Die Marktwirtschaft ist
überall, tötet das Leben ab

12
00:01:01,900 --> 00:01:05,000
und entfremdet uns
von der Welt und von uns selbst.

13
00:01:06,300 --> 00:01:10,500
Nicht anders die Arbeit: schmerz-
haft oder auch Quelle des Stolzes,

14
00:01:10,900 --> 00:01:14,200
versprach sie eine glückliche
Zukunft, einzulösen im Supermarkt.

15
00:01:15,600 --> 00:01:18,300
Die Zeiten ändern sich,
werden härter.

16
00:01:18,600 --> 00:01:22,100
Für viele sind Freiheit und Glück
weniger zugänglich.

17
00:01:23,200 --> 00:01:26,500
Vielleicht sind Freiheit und Glück
einfach anders als früher.

18
00:01:30,200 --> 00:01:32,900
Ich hab mir meine Arbeit
nicht wirklich ausgesucht.

19
00:01:33,400 --> 00:01:35,600
Ich suchte Arbeit,
war Leiharbeiter,

20
00:01:35,900 --> 00:01:38,500
man schickte mich,
nun ja, zu Saint-Gobain...

21
00:01:39,600 --> 00:01:42,800
Du steigst da ein,
und irgendwann, naja...

22
00:01:43,500 --> 00:01:45,900
Wie gesagt, man
arbeitet wegen des Lohnes,

23
00:01:46,200 --> 00:01:50,000
irgendwann sagt man dir:
"Du kriegst eine Festanstellung."

24
00:01:51,900 --> 00:01:54,500
Du bist sogar zufrieden
und sagst, ich bin fest angestellt,

25
00:01:54,900 --> 00:01:58,700
das Leben ist geregelt, ich
muss mich nicht mehr sorgen,

26
00:01:59,200 --> 00:02:04,200
wie ich die Miete bezahlen soll,
wie das alles wird, wie...

27
00:02:05,000 --> 00:02:08,300
Du bist also zufrieden,
mit der Festanstellung...

28
00:02:08,800 --> 00:02:11,100
Das Ding ist...

29
00:02:11,400 --> 00:02:15,100
Du suchst dir nicht aus, was
du machst und hast es bald satt.

30
00:02:15,400 --> 00:02:17,600
Irgendwann wird dir klar:
du bist ein Roboter.

31
00:02:17,900 --> 00:02:21,700
Die Arbeit ist immer die gleiche,
jeden Tag machst du dasselbe,

32
00:02:22,100 --> 00:02:24,800
selbst wenn du
vielseitig einsetzbar bist,

33
00:02:25,100 --> 00:02:28,900
letztlich ist deine Vielseitigkeit
immer dasselbe: eine Wiederholung.

34
00:02:35,000 --> 00:02:38,500
Ich hab das Gefühl, nützlich
zu sein. Ich mag meine Arbeit.

35
00:02:38,800 --> 00:02:41,900
Ich hab sie mir nicht ausgesucht,
finde mich darin aber wieder.

36
00:02:42,200 --> 00:02:47,400
Ich mache die Arbeit gerne.
Sie interessiert mich.

37
00:02:48,200 --> 00:02:51,400
Es stört mich nicht, dafür morgens
aufzustehen, ganz im Gegenteil.

38
00:02:52,400 --> 00:02:54,900
Wir üben einen Beruf aus,
der an sich

39
00:02:56,000 --> 00:03:00,800
nicht unbedingt "gut" ist.
Denn man weiß: er "geht zu Ende".

40
00:03:01,100 --> 00:03:06,300
Er hat viele Sachen ermöglicht,
aber auch viele schlechte Sachen...

41
00:03:06,900 --> 00:03:11,700
Man denke an Myanmar, oder an die
Ausbeutung der Rohstoffe in Afrika.

42
00:03:12,300 --> 00:03:15,900
Es ist bekannt, dass all das
an unseren Arbeitsplätzen hängt.

43
00:03:20,300 --> 00:03:26,700
Meine erste Arbeitserfahrung war
in den USA: 3 Monate bei McDonalds.

44
00:03:27,200 --> 00:03:30,700
Das war ganz klar, das
Management auf amerikanische Art.

45
00:03:32,500 --> 00:03:34,700
Dann habe ich 6 Tage
in einer Fabrik gearbeitet.

46
00:03:35,000 --> 00:03:38,200
Diese beiden ersten
Erfahrungen in meinem Leben

47
00:03:38,500 --> 00:03:42,100
öffneten mir die Augen:
Das willst du nicht machen!

48
00:03:42,400 --> 00:03:45,200
Selbst wenn mein Studium
nicht in diese Richtung ging,

49
00:03:45,500 --> 00:03:48,500
ich sah, wie die wirkliche
Arbeitswelt aussah!

50
00:03:49,300 --> 00:03:52,800
Die Welt der Fabrik, zum Beispiel,
das ist sehr interessant!

51
00:03:53,100 --> 00:03:56,200
6 Tage nur, ich hatte das Gefühl,
2 Jahre dort zu arbeiten!

52
00:03:56,500 --> 00:04:00,000
Ich denke, jeder sollte mal
eine Woche in der Fabrik arbeiten.

53
00:04:00,300 --> 00:04:05,300
Oder bei McDonalds. Um zu sehen,
wie wenig Respekt der Mensch erfährt.

54
00:04:06,600 --> 00:04:10,600
Danach hatte ich keine Lust,
dieses Spiel weiter mitzumachen.

55
00:04:30,100 --> 00:04:33,900
Ich wollte in die
Marketing- und Werbebranche.

56
00:04:34,700 --> 00:04:39,700
Mit 22 hatte ich mein Diplom, aber
dann ich habe Alex getroffen.

57
00:04:40,500 --> 00:04:43,100
Am Anfang war ich
gegen alles, was er sagte.

58
00:04:43,600 --> 00:04:46,800
Ich dachte, ich muss arbeiten,
für meine Rente. Tja.

59
00:04:48,000 --> 00:04:52,000
Meine erste Stelle,
die war bei einem Verein,

60
00:04:52,700 --> 00:04:56,200
ich machte Fundraising für eine
gute Sache. Ich war zufrieden.

61
00:04:57,200 --> 00:05:01,400
Ich setzte mich hin und sagte mir:
Das machst du jetzt 40 Jahre lang.

62
00:05:03,800 --> 00:05:09,400
Obwohl ich was Sinnvolles machte,
langweilte ich mich.

63
00:05:10,100 --> 00:05:13,700
Wenn man die Gesellschaft
und Arbeitswelt in Frage stellt,

64
00:05:14,000 --> 00:05:17,000
ist es wirklich schwer,
etwas zu finden:

65
00:05:18,000 --> 00:05:20,700
einen Arbeitsplatz,
der deine Werte respektiert.

66
00:05:39,200 --> 00:05:42,300
Diesen Laden wiederzusehen,
ist wirklich komisch.

67
00:05:43,000 --> 00:05:46,100
Denn seit 10 Jahren
bin ich nicht mehr berufstätig.

68
00:05:46,500 --> 00:05:49,400
Aber es waren 4 Lebensjahre,
die ich in dem Laden verbrachte.

69
00:05:49,700 --> 00:05:52,000
Das hatte gute
und schlechte Seiten.

70
00:05:52,300 --> 00:05:55,100
Denn es gibt ja auch
gute Momente im Arbeitsleben.

71
00:05:55,500 --> 00:05:58,200
Das ist ein bisschen komisch.

72
00:05:59,400 --> 00:06:03,100
Ich meine, wenn man da
10, 20 Jahre lang arbeitet,

73
00:06:03,400 --> 00:06:06,700
wenn das nicht bereichernd
und persönlichkeitsbildend ist,

74
00:06:07,000 --> 00:06:09,700
dann ist das eine Entfremdung.

75
00:06:10,300 --> 00:06:12,700
Man gibt seine Persönlichkeit auf,
und zwar völlig.

76
00:06:23,200 --> 00:06:27,500
Ich sagte mir, vielleicht
ist es nicht schlecht,

77
00:06:27,800 --> 00:06:32,300
Berufsschullehrerin zu sein.
Denn ich sah, da gibt es ein

78
00:06:32,600 --> 00:06:35,900
anderes pädagogisches
Interesse als am Gymnasium.

79
00:06:36,200 --> 00:06:38,600
Es gab da eine recht
interessante Geisteshaltung.

80
00:06:38,900 --> 00:06:43,300
Ich mochte die Schüler dort gern.
Ich mochte den Fakt, dass

81
00:06:43,600 --> 00:06:46,200
die Schüler dort...

82
00:06:46,600 --> 00:06:49,800
Man hat auch Spitzenbereiche
in den Berufsschulen, aber

83
00:06:50,100 --> 00:06:55,200
in den traditionelleren
Fächern an der Berufsschule

84
00:06:55,500 --> 00:06:59,500
sind das Schüler mit Problemen.
Und diese Arbeit interessierte mich.

85
00:07:15,300 --> 00:07:19,600
Ich arbeitete für öffentliche
Einrichtungen, für Vereine, etc.,

86
00:07:20,100 --> 00:07:23,500
aber nach und nach...

87
00:07:24,500 --> 00:07:27,500
Trotz allem sah ich
nicht viel Sinn in meiner Tätigkeit.

88
00:07:31,800 --> 00:07:35,900
Ich war gezwungen,
mit Leuten zu arbeiten,

89
00:07:36,200 --> 00:07:40,200
die ich mir nicht ausgesucht hatte.
Mit Ansätzen, die mir fremd waren.

90
00:07:40,500 --> 00:07:44,700
Sogar bei Vereinen war ich
Prozessen unterworfen, das war

91
00:07:45,000 --> 00:07:48,300
quasi eine wissenschaftliche
Organisation von Projekten,

92
00:07:48,700 --> 00:07:52,800
im Bereich Bildungsarbeit
und Freizeitgestaltung.

93
00:07:53,800 --> 00:07:56,900
Das hat mir schnell nicht mehr
gefallen. Ohnehin hatte ich nie

94
00:07:57,300 --> 00:08:01,200
eine große Zuneigung zur Arbeit.
Das Beispiel meiner Eltern, die

95
00:08:01,800 --> 00:08:07,600
ihr Leben mit Malochen zubrachten,
um letztlich... was haben sie davon?

96
00:08:10,300 --> 00:08:13,600
Mein Vater zum Beispiel, den
Total jetzt rausgeschmissen hat,

97
00:08:14,000 --> 00:08:18,400
vorher gab es keine Verständigung.
Meine Weltsicht war ganz anders.

98
00:08:18,700 --> 00:08:24,400
Er malochte, stand früh auf, während
ich die Uni bestreikte und blockierte.

99
00:08:24,800 --> 00:08:27,900
Wir verstanden uns nicht.
Seit kurzem verstehen wir uns,

100
00:08:28,100 --> 00:08:31,100
wir reden über Diskussionen,
über Vollversammlungen...

101
00:08:31,500 --> 00:08:34,500
Wir diskutieren. Dass wir
überhaupt reden, das ist neu.

102
00:08:34,800 --> 00:08:38,800
Früher, wenn ich nach Hause kam,
gab's Fernsehen, Essen, Schlafen.

103
00:08:39,200 --> 00:08:41,400
Jetzt diskutieren wir.

104
00:08:44,200 --> 00:08:48,000
Das Problem ist, die Arbeit ver-
ändert auch die übrigen Beziehungen.

105
00:08:48,300 --> 00:08:53,500
Wer den ganzen Tag, die ganze
Woche arbeitet und sich aufreibt,

106
00:08:53,800 --> 00:08:58,200
reproduziert zu Hause, im Freundes-
kreis hierarchische Machtverhältnisse,

107
00:08:58,500 --> 00:09:03,700
so dass man untereinander keine
natürlichen Beziehungen mehr hat.

108
00:09:21,400 --> 00:09:25,100
Ich entschied mich
aufzuhören, weil

109
00:09:26,200 --> 00:09:29,200
meiner Arbeit in erster Linie
der Sinn fehlte.

110
00:09:30,000 --> 00:09:34,200
Es ist sehr nett bei Leroy Merlin,
aber meine Arbeit an sich

111
00:09:34,500 --> 00:09:36,700
hatte keinen Sinn.

112
00:09:38,800 --> 00:09:42,000
Ich hatte das Gefühl, zu ver-
blöden, und wollte etwas anderes.

113
00:09:42,300 --> 00:09:44,900
Dann hatte ich das Glück,
einen Bereichsleiter zu haben,

114
00:09:45,400 --> 00:09:48,400
der uns vorschlug, 4 halbe
Tage pro Woche zu arbeiten.

115
00:09:49,500 --> 00:09:52,400
Mit 4 halben Tagen pro Woche
wurde mir letztlich klar,

116
00:09:52,700 --> 00:09:56,000
dass ich keine Arbeit brauche, um
Kontakte zu haben, um Leute zu treffen.

117
00:09:56,300 --> 00:10:01,100
Ich entwickelte eine neue Praxis:
die Arbeit für meine Bedürfnisse,

118
00:10:01,600 --> 00:10:04,600
um meinen Kühlschrank zu füllen,
das ist schonmal nicht schlecht.

119
00:10:04,900 --> 00:10:08,500
Und anderswo lebe ich. Was mich
interessiert, mache ich anderswo.

120
00:10:08,800 --> 00:10:13,800
Das war neu. Also fiel es mir nicht
schwer, mit der Arbeit aufzuhören.

121
00:10:14,100 --> 00:10:20,100
Was mich aufbaute, lag außerhalb der
Arbeit - die war nur der Broterwerb.

122
00:10:20,400 --> 00:10:22,900
Arbeit abzulehnen heißt nicht,
jegliche Tätigkeit abzulehnen.

123
00:10:23,200 --> 00:10:26,700
Das heißt, wie kann ich mich
durchschlagen, alleine oder

124
00:10:27,000 --> 00:10:31,800
mit Leuten, mit denen ich was machen
will. Kurz: Autonomie zu gewinnen.

125
00:10:32,400 --> 00:10:37,300
Aber, da ist... Ich habe keine Lust,
mich als Arbeiter zu definieren.

126
00:10:37,600 --> 00:10:41,900
In der Geschichte gab es Leute,
die sich als Arbeiter definierten.

127
00:10:42,200 --> 00:10:45,300
Mir macht das... ich habe da
eher keine Lust drauf.

128
00:10:45,600 --> 00:10:49,700
Ich habe keine Lust,
mich ein- und unterzuordnen,

129
00:10:50,100 --> 00:10:52,500
der Arbeiterklasse oder sonstwem.

130
00:11:05,500 --> 00:11:10,100
Recht schnell sagte ich mir, eigent-
lich kann ich nicht Lehrerin sein.

131
00:11:10,500 --> 00:11:14,500
Im Lauf des Jahres wurde das klar,
ich würde meine Koffer packen.

132
00:11:14,800 --> 00:11:18,400
Am Ende des Schuljahres würde
ich kündigen. In meinem Umfeld

133
00:11:18,800 --> 00:11:22,600
sagten alle: "Bist du verrückt!?"
Sie verstanden es nicht. Das war

134
00:11:22,900 --> 00:11:26,200
mir egal, ich bin eigenwillig.
Der Druck war unglaublich.

135
00:11:26,500 --> 00:11:30,400
Irgendwann hieß es: "Nimm doch
unbezahlten Urlaub! Falls du dann

136
00:11:30,800 --> 00:11:34,200
deine Meinung änderst, kannst du
zurück." Aber ich sagte nein,

137
00:11:34,500 --> 00:11:38,200
ich will nicht zurückkommen!
"Du kannst doch nicht kündigen!

138
00:11:38,500 --> 00:11:42,200
Man kündigt doch keine Stelle als
Lehrer! Wovon willst du denn leben?"

139
00:11:59,900 --> 00:12:04,000
Die ganz Jungen heutzutage,
die benehmen sich wie außerhalb!

140
00:12:04,300 --> 00:12:08,300
Die benehmen sich in der Firma
wie draußen: Jeder für sich!

141
00:12:09,200 --> 00:12:14,500
Sie kommen nur wegen des Gehalts,
um ihre Vergnügungen zu bezahlen,

142
00:12:14,900 --> 00:12:19,700
um sich sonstwas zu leisten, aber
sie kommen nicht wegen der Arbeit.

143
00:12:21,100 --> 00:12:25,800
Die Alten hingegen, die sind
zufrieden, zur Arbeit zu gehen,

144
00:12:26,100 --> 00:12:29,400
sie messen der Arbeit
sogar einen Wert bei...

145
00:12:29,700 --> 00:12:32,800
"Ohne Arbeit geht es nicht!
Man muss doch arbeiten!"

146
00:12:33,100 --> 00:12:36,900
Bei den Jungen heißt es:
"Nun ja, ich geh da hin, ja...

147
00:12:37,200 --> 00:12:42,000
ich hab nen guten Lohn, ist ok
für mich, ich mach mich nich tot."

148
00:12:42,600 --> 00:12:44,800
Ziel ist es, nicht allzu erschöpft
nach Hause zu kommen,

149
00:12:45,100 --> 00:12:48,900
damit du dich danach noch
amüsieren, ausgehen kannst.

150
00:12:55,800 --> 00:12:58,300
Untertitel: Andreas Förster
für labournet.tv, Berlin 2013

